Mein zehnter Geburtstag: Ich sitze an einem Wasserloch im Tsavo-Nationalpark in
Kenia und blättere durch einen illustrierten Band über die berühmten Entdecker Afrika,
den mir meine Eltern geschenkt haben. In dem prachtvollen Buch tauchen sie alle auf,
die europäischen Heroen, die aufbrachen, das Unbekannte vom Angesicht der Erde zu
tilgen, von Vasko da Gama bis Henry Morton Stanley. Keine der Illustrationen fasziniert
mich mehr, als die nachkolorierte Gravur eines arabisch gekleideten Mannes mit wilden
Gesichtszügen und strengen Augen. Wie merkwürdig: laut Bildunterschrift war dieser Mann
war weder Sklavenhändler noch Sultan, sondern ein Brite. Als erster Europäer sei er in
das Innere Ostafrikas vorgedrungen, auf der Suche nach den Quellen des Nils, und als
einziger unter all den Entdeckern in meinem Buch sieht er aus wie ein Einheimischer.
Das Abenteuer der Verkleidung erregt und verstört mich mehr als das Wagnis der Reise.
Ich merke mir den Namen dieses seltsamen Mannes: Richard Francis Burton. Gut zwanzig
Jahre später ziehe ich nach Bombay, Indien, weil ich beschlossen habe, einen Roman über
Burton zu schreiben, oder vielmehr über die (Un)Möglichkeit, sich in die Fremde
hineinzuleben.
Richard Francis Burton war eine der ungewöhnlichsten Gestalten des an Exzentrikern reichen
19. Jahrhunderts, ein Mann vielfacher Begabung und außerordentlichen Mutes, der bei allem,
was er tat, die Grenzen des Möglichen und Erlaubten auslotete. Seine Interessen und
Unternehmungen waren so vielfältig, daß es schwer fällt, ihn einzuordnen. In einem
Jahrhundert, das sich dem Wahn hingab, alles benennen und katalogisieren zu können,
sprengte er als Reisender, Abenteurer, Anthropologe, Geograph, Laienwissenschaftler,
Übersetzer, Meisterfechter und Erotomane, um nur einige seiner Betätigungsfelder zu
erwähnen, alle Kategorien. Zumal er ein Leben lang seine eigene Widersprüchlichkeit
kultivierte. Er war ein Rebell, der dazugehören wollte. Er lehnte sich gegen Autoritäten
auf, und war gleichzeitig Agent für das Britische Imperium. Er sehnte sich danach, anerkannt
zu sein, und doch konnte er nicht umhin, immer wieder seine Vorgesetzten zu provozieren und
einflussreiche Bürger zu schockieren. Er blieb sich selbst treu bis zu seinem Lebensende:
als er in hohem Alter von Königin Viktoria geadelt wurde, bereitete er gerade eine illegale
Ausgabe erotischer asiatischer Literatur vor.
Was sein Leben aber so interessant erscheinen lässt, ist Burtons Bemühen, in die Fremde
einzudringen, kulturelle Unterschiede zu erkennen, zu begreifen, zu benennen und sie - sei
es durch Maskerade, sei es durch Verwandlung - zu überwinden. Sein Motto lautete: Omne Solum
Forte Partia: Dem Starken ist jeder Ort Heimat. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, stellen
sich Fragen nach unserer kulturellen Identität zunehmend dringlicher. Eine wachsende Zahl von
Menschen leben in jenen Zwitterwelten und profitieren von jenen Zusammenflüssen, denen Burton
sich aussetzte. Besonders zeitgemäß ist auch Burtons Interesse am Islam und der arabischen Welt.
Burton kannte den Nahen Osten so gut wie kaum ein anderer Europäer, er beherrschte das
klassische Arabisch ebenso wie die Alltagssprachen. Die Umstände seines Lebens, sein langjährige
Auseinandersetzung und Freundschaft mit Arabern und anderen Moslems, und seine Kenntnis ihrer
Denkweisen, inklusive lokaler Differenzen, ermöglichten ihm einen Einblick, der zwar nicht immer
frei von viktorianischen Vorurteilen, aber stets kenntnisreich und erfrischend originell war.
Trotzdem wurde Burton als Diplomat nicht nach Kairo oder Istanbul geschickt, sondern auf abgelegene
Posten wie etwa Äquatorialguinea abgeschoben. Denn auch die strenge Verachtung unter "Seinesgleichen",
die seine Metamorphosen nach sich zogen, gehört zu der Geschichte dieses Mannes. Was er damals schrieb,
könnte heute noch gelten: "Die krasse Ignoranz unseres Landes hinsichtlich der orientalischen Völker,
die uns hochgradig interessieren sollte, lässt England verächtlich erscheinen in den Augen der
östlichen Welt." Voller Abscheu vermerkt er an anderer Stelle, daß es "im Lager keinen einzigen
englischen Offizier gab, der des Arabischen mächtig war."
Obwohl einige Äußerungen und Formulierungen aus Burtons unzähligen Büchern in den Text eingeflochten
wurden, ist die Romanfigur überwiegend ein Produkt meiner Phantasie und erhebt daher keinen Anspruch,
an den biographischen Realitäten gemessen zu werden. Es war mir ein Anliegen, das Geheimnis dieses
Menschen nicht zu lüften, keine Innenschau zu wagen. Eine psychologische Entblößung hätte zudem nicht
zu dem viktorianischen Zeitalter gepasst.