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Der Roman

Schon bei meinen ersten Skizzen wurde mir klar, daß ich dem europäischen, viktorianischen und kolonialen Blick meiner Hauptfigur etwas Ebenbürtiges gegenüberstellen mußte, um nicht eine weitere halbherzige Annäherung an die Fremde, ein weiteres exotisches Konstrukt zu verfassen. Inder, Afrikaner und Araber sind klein in den europäischen Romanen vorangegangener Tage, klein, weil aus großer Distanz beschrieben, und weil sowohl die Figuren als auch der Autor auf sie herabblickt. Ich wollte sie aus der Nähe schildern, mit einer selbstverständlichen Vertrautheit. Und ich wollte die Geschichten auch aus ihrer Sicht entwickeln, um in dem Spannungsverhältnis unterschiedlicher Perspektiven die Frage kontrastierender Mentalitäten, Überzeugungen und Gewohntheiten zu thematisieren. Aber auch um die Machtverhältnisse zwischen Herr und Diener, zwischen Spion und Vertrauensmann, zwischen weißem Entdeckungsreisenden und schwarzem Führer, zwischen männlichem Offizier und weiblicher Kurtisane zu ergründen.

Im ersten, dem indischen Kapitel, sucht der ehemalige Diener von Richard Burton, Naukaram, einen öffentlichen Schreiber auf, damit dieser ein Empfehlungsschreiben aufsetzt, das ihm fehlt, weil er in Ungnade entlassen wurde. Der Schreiber zieht angesichts der schlechten saisonalen Konjunktur die Arbeit raffiniert in die Länge, erliegt zugleich aber der Faszination der Geschichte. In 64 Szenen wird abwechselnd aus der Sicht von Burton sowie von dem dialogischen Zwiegespräch zwischen dem Diener und dem Schreiber erzählt. Die Handlung ist in zwei Zyklen unterteilt, wobei beim zweiten Zyklus viele der Rätsel gelöst werden, die im ersten Zyklus gestellt werden (sowohl die Zahl 64 als auch die zyklische Struktur verweisen auf zentrale hinduistische Konzepte). Zudem beginnt der Schreiber im zweiten Zyklus, die Geschichte seines Kunden nach eigenem Gutdünken fortzuschreiben, gepackt von einem erwachenden künstlerischen Ehrgeiz. Mitten drin kippt das Machtverhältnis zwischen den beiden um. Als der verschuldete Diener seinen Auftrag zurückzieht, fleht der Schreiber ihn an, fortzufahren, und muß schließlich die restlichen Geschichten teuer bezahlen. Der Rückblick des Dieners ist besonders emotional, wenn er sich an Kundalini erinnert, einer Kurtisane von geheimnisvoller Herkunft, in die er verliebt war, die jedoch dem englischen Saheb den Vorzug gab und deren Schicksal die Beziehung der beiden Männer sowohl intensivierte wie auch vergiftete.

Das zweite Kapitel hingegen, in dem die Auseinandersetzung Burtons mit dem Islam anhand seiner Pilgerfahrt nach Mekka und Medina austariert wird, mußte - auch angesichts der gegenwärtigen Politisierung - eine Form finden, die den verschärften Konflikten entspricht. Ich entschied mich für die hierarchischste Form des Gesprächs: das Verhör. Über ein islamisches Kalenderjahr hinweg verhören der Gouverneur des Hidjaz (Zentralarabien, eine osmanische Subprovinz), der Sharif von Mekka (dessen Familie Mekka seit mehr als sieben Jahrhunderten regiert hatte und bis 1925 in Amt und Würden blieb) sowie ein hochrangiger Kadi, der beeinflusst ist von der verengten Weltsicht und Glaubenswelt der Wahhabi-Fundamentalisten, eine Reihe von Personen, die Burton auf seiner Pilgerreise begleitet haben. Einige von ihnen haben nicht einmal geahnt, daß es sich bei ihrem Reisegefährten um einen Engländer in Verkleidung handelte, andere hegten einen Verdacht, den sie nicht beweisen konnten. Die Spannungen zwischen diesen drei Herrschern sind ähnlich groß wie zwischen dem Osmanischen Reich und der Kolonialmacht Großbritannien, dessen Repräsentanten Burton sie der Spionage verdächtigen. Im Laufe des Verhörs erweisen sich alle Verdächtigungen als ebenso denkbar wie fragwürdig, einmal gefasste Schlüsse müssen beim nächsten Treffen über den Haufen geworfen werden, und am Ende sind die drei Männer weniger schlau als zu Beginn, ganz im Gegensatz zum Leser, der durch einen Treibsand von Intrige, Propaganda, Unterstellung und Verdächtigung geführt wird, bei dem sich die sakrale mit der profanen Sphäre so sehr vermischt, daß sie manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Das dritte und letzte Kapitel, das sich der großen Expedition auf der Suche nach den Quellen des Nils widmet, wird bestimmt von einer historisch zwar überlieferten, aber auch marginalisierten Figur. Sidi Mubarak Bombay, ein ehemaliger Sklave, war an dieser ersten Expeditionen als Faktotum beteiligt. Später führte er drei weitere berühmte Expedition ins Landesinnere: die von Speke and Grant, die von Henry Morton Stanley und die von Cameron. Somit gehört dieser unbekannte Afrikaner in die erste Garde der "Entdecker der schwarzen Kontinents". In dem Roman erzählt er als alter Mann, umringt von seinen Freunden in der steinernen Stadt von Sansibar, von seinen Abenteuern an der Seite von Richard Burton. Er erzählt selbstverliebt und fragmentarisch, und die Stimme seiner Ehefrau aus dem Inneren des Hauses kommentiert und korrigiert die Mannseitigkeit seiner Erinnerungen. Er spricht mit einer beim mündlichen Erzählen typischen Bildhaftigkeit und Rhythmisierung. Die Spannung dieses Kapitels speist sich aus dem Konflikt zwischen den beiden Briten, Burton und sein Kompagnon Speke, deren wacklige Freundschaft im Laufe der Reise, in Hass umkippt, nicht zuletzt weil es um einen hohen Preis geht: die Unsterblichkeit.